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Von Gottesanbeterinnen und Brüllkotzern

Das Haus, in dem ich ein Dachgeschoßkabuff mein eigen nenne, ist wahrscheinlich das repräsentativste Berliner Hinterhaus Berlins. Man sollte Kolonnen dankbarer Touristen hierher führen und ihnen einen Rundgang anbieten:

Meine Damen und Herren,

die überdimensionierte und völlig aus dem Ruder gelaufene Bepflanzung sämtlicher zur Verfügung stehender Grünflächen mit Efeu, war eine Meisterleistung an Idiotie des hiesigen Hausbesitzers. Nachdem diesem angetragen wurde, dass Efeu immer grün ist, ignorierte er wohlwollendend den Fakt, dass diese Pflanze hochgiftig ist und sich außerdem vermehrt wie ein Unterschichtenpärchen aus Marzahn bei monatelangem „Bauer sucht Frau” Entzug durch selbst angeeigneten Stromausfall. Seitdem wuchert jene sinnfreie Kriech-, Kletter- und Im-Weg-Rumlieg-Pflanze so unerbittlich, dass kleine Vögel, die ihr zu nahe kommen sich im Dickicht verfangen und nie wieder herausfinden. Kleinkinder sind auch schon verloren gegangen – das ist hier im Prenzlauer Berg aber gar nicht tragisch, da diese, im Gegensatz zum Spatz mit Nichten auszusterben drohen.

Folgen Sie mir nun in den ersten Stock, Seitenflügel rechts. Hier befindet sich die Fraktion des gemeinen Berliner Mietshaus Wahnsinnigen. Es ist üblich, dass in jedem Mietshaus mindestens ein geistig Umnächtigter oder Verrückter lebt. Wir nennen das Integration aller Bevölkerungsteile im Kleinprojekt Hausgemeinschaft: kurz IaBiKHG.

Der hier ansässige Verrückte zeichnet sich vor allem durch ungemein schrecklichen Musikgeschmack aus -  ja, der „rhythm” ist hier noch immer der „dancer”, denn jener Bewohner befindet sich geistig immer noch im „Summer of ´69″. Sanfte Hinweise, die andere Hausbewohner in gewohnt liebevoller Berliner Art über den gesamten Innenhof rufen, achtet der hier ansässige Quotenwahnsinnige liebevoll und bedankt sich damit, dass er dem Rufenden die Tür – wahlweise auch die Fresse einschlägt. Sie sehen, soziale Interaktionen werden hier großgeschrieben, vor allem auf dem Protokollbogen der Polizei.

Gehen wir nun an der Fahrräderkolonie links vorbei. (Bitte beachten Sie, 30% dieser Räder stehen hier denkmalgeschützt seit 10 Jahren und üben sich in geschmackvollem, kunstfertigen Verrosten, die anderen 70% erfahren messianische Benutzung bis die nächste Kolonne Fahrradknacker kommt, um die Geräte liebevoll von ihren Ketten und Besitzern zu trennen, die sich das gute Stück Sonntags drauf auf dem Boxi wieder kaufen können.)

Im linken Seitenflügel, 1. Stock befindet sich die Wohnung von Herrn S. Dieser hat seine Bleibe billig erstanden. Er musste nur die menschlichen Überreste des Junkies vom Boden lesen, der ungeschickterweise ein wenig zu viel des guten Stoffes in sein System gegeben hatte. Glücklicherweise hat sich Herr S. an den modrigen Todesgeruch gewöhnt und auch an die Tatsache, dass aus der angekündigten Renovierung des Hauses nur eine Modernisierung wurde.

Modernisiert wurde an diesem Haus aus dem Jahre 1900 so einiges, werte Zuhörer. Nur nicht die Heizungen, Rohre, Fenster, Böden, Wände und Treppen. Dafür gibt es seit ein paar Jahren wahnsinnig moderne Graffitis in allen Hausfluren, die wöchentlich erneuert und verfeinert werden. Gern auch  mit einer neuartigen Mischung aus Eigenexkrementschmierkunst, versehen mit dem fein säuberlich getaggten Namen des Verursachers. Gesehen wurden diese Modernisierer noch nie, man nimmt jedoch an, dass sie unter einer Art Gedächtnisschwund leiden und gleichzeitig eine ausgeprägte Profilneurose haben. Das erklärt wieso sie zwanghaft überall ihre Namenstags hinterlassen müssen. Anthropologen halten dieses Verhalten auch für die moderne Form des Balzens und Markierens. Die Masse an Namenstags steht dabei wohl in indirekter Proportionalität mit der Größe des Geschlechtsteils.

Gleich über Herrn S. wohnt übrigens Frau K. Hiesige allein stehende Dame in ihren Dreißigern bereichert die Hausgemeinschaft vor allem durch ihr reges Sexualleben, an dem sie gern alle teilhaben lässt. Hierzu öffnet sie sämtliche Fenster in Richtung Innenhof und profitiert somit von ihrer ausgezeichneten physikalischen Lage, die dem Wort „Schall” ganz neue Dimensionen verleiht. Während des Geschlechtsaktes mit mal mehr – mal weniger geschickten männlichen Sexualpartnern bestaunt sie nicht nur lauthals das Rüsseltier, dessen sie sich gleich bemächtigen wird, sondern kommentiert gern ausgiebig ihre Beziehung zu Gott. Solch überschwängliche Ehrerbietungen sind in der durchschnittlichen Hausgemeinschaft keine Seltenheit, meine Damen und Herren. Allein die Ausdauer, die diese Bewohnerin an den Tag legt, ist wahrlich unübertroffen. Es ranken Legenden um eine laue Sommernacht im Jahre 2007, in der Gott fünf Stunden am Stück angerufen wurde, bis ein Nachbar das Kommunikationsmedium No. 1 – den Berliner Hinterhofzuruf -  zu Rate zog und liebevoll anfragte, ob sie denn jetzt endlich mal kommen könnte. Sie tat wie ihr geheißen -  ungefähr zwei Stunden später.

Jener Zurufer im Übrigen stellt eine weitere typische Kategorie des Berliner Mietshauses dar. Den Alki. Im, sowohl als auch außerhalb des Suffs bespricht dieser täglich die Ungnädigkeit des „Amtes” im Brüllkotzton mit seiner Frau (ebenfalls im Suff). Dabei ist aus Tonfall und Wortwahl meist nicht zu erkennen, ob er die Ungerechtigkeiten der Welt tatsächlich seiner Frau oder seinem verwahrlosten, völlig psychotischen Pudelhund zukommen lässt. Spannend zu beobachten ist weiterhin, dass sich die Spezies des Hausalkoholikers niemals weiter als 100m vom Wohnort entfernt. Es wird vermutet, dass der Pegel nur bis dahin reicht und man deshalb lieber in der Nähe des heimischen Bierkasten/Frau macht was zu essen/Fernseher läuft Gebildes bleibt.

Gleich gegenüber des Alkis wohnt übrigens der traurige Singlemann, dessen serielle Monogamie nur unterbrochen wird von seinen Kumpelabenden. Die hierbei veranstalteten Rülps- und der „Wer-am-meisten-das-Wort-„Alldaaa”-benutzt” Wettbewerbe sind eine willkommene Abwechslung. Vor allem im Alltag des Jungverheirateten einen Stock über ihm, der durch bloßes Zuhören weiß, was er nie wieder haben wird. Außer seine junge Ehefrau verbringt mal Überstunden in „der Agentur”. Dem wird nur bald nicht mehr so sein, haben sich beide doch vom Vermehrungswahn der Prenzlberger anstecken lassen und ein weiteres ungehorsames Malte/Cheyenne/Marie-France-Venice Kind gezeugt. Schon bald werden beide mit dem Frischling ihren Lebenshass auf der Straße durch das Benutzen des Kinderwagens als Bulldozer Ausdruck verleihen.

So liebe Zuhörer, mehr können wir ihnen leider nicht zeigen. Sie wissen ja wie das ist. Das Beobachten fremder Völker und Kulturen sollte auf ein Minimum beschränkt werden, damit sich die Einheimischen in ihrem Tun nicht gestört fühlen. Wenn Sie möchten können sie jetzt aus Spaß ein Fahrrad klauen oder das „Keine Werbung” -Schild zum zigsten Mal vom verbeulten Briefkasten kratzen und einem Bewohner ihrer Wahl in selbigen scheißen. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.