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You gotta fight for your right to Kuchen!

Die heutige und bislang 4. Ausgabe von Kurzschluss behandelt das Thema Befreiung. Im folgenden Text steckt Wahrheit. Weitere Beiträge dieser Ausgabe findet ihr bei BastiH, Cassiopeia (Gastbeitrag auf dem Neubaublog), Anna Licht und Patsy Jones (Gastbeitrag bei saripari’s septemberRave).

„Angst ist ein menschliches Grundgefühl (neben Freude, Trauer, Wut und Scham), welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert.”, sagt die Wikipedia. Yadda, yadda, yadda…

Ich, in meiner Funktion als Mensch mit multiplen Ängsten sage: „Angst ist eine riesigengroße Drecksscheiße, die mächtig zum Himmel stinkt.”

„Angst”, so sagt die Wikipedia weiter, „hat evolutionsgeschichtlich eine wichtige Funktion als ein die Sinne schärfender Schutzmechanismus, der in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (etwa Flucht) einleitet.”

Wikipedia kennt mich schlecht.

In Situationen, in denen sie angemessen wäre, die Angst, macht die meinige folgendes:

Nichts.

Sie verpeilt die Situation, holt sich erstmal ein Käffchen, muss darüber erstmal nachdenken und setzt dann, nachdem sie sich nochmals mit sich selber beraten hat, ob das jetzt der Augenblick wäre zu agieren, laaangsam ein. Dann ist die Situation meist schon 3 Tage vorbei. So geht das fast immer. Außer bei Hunden. Und Spinnen. Und Ratten.

Doch selbst bei denen wird Flucht nicht eingeleitet. Dafür aber peinliches Benehmen. Hüpfen, quieken, auf Tische steigen. Mädchenverhalten eben. Ich wünschte ich würde einfach wegrennen. Obwohl, hier in Berlin würde ich mein Leben wahrscheinlich im Sprint verbringen. So hüpfe ich von Straße zu Straße immer darauf bedacht meine Mädchenquieker in Zaum zu halten.

Das Blödeste an Angst ist, dass wenn man einmal eine hat, sich gerne diverse andere dazu gesellen. In meinen paar Lebensjahren habe ich mir schon ein großartig-groteskes Sammelsurium angeeignet. Da wären, mal abgesehen von den bereits genannten Tieren zum Beispiel:

  • Angst, dass mir Käfer ins Ohr krabbeln
  • Angst vor saurer Milch
  • Angst, dass meine Katze, wenn ich sie hochnehme, mich kratzt und mir dabei den Nippel spaltet (eine meiner wenigen Ängste, die auf einem konkret erlebten Geschehnis beruhen. Aber keine Sorge, dem Nippel geht’s wieder gut.)
  • Angst, dass wenn ich in öffentlichen Toiletten den Klodeckel hoch mache, im  Klo eine Totgeburt der vorherigen Toilettenbenutzerin schwimmt
  • Angst, sich an Dosen zu schneiden und daran nach wochenlangen Qualen zu verenden
  • Angst, dass ich nachts in die Küche gehe und da schwebt ein Geist an der Decke
  • Angst davor, dass ich bei der Einnahme eines Medikaments alle im Beipackzettel aufgezählten Nebenwirkungen gleichzeitig bekomme
  • Angst, etwas Gutes zu essen zu verpassen
  • Angst, dass jemand meine Gedanken lesen kann
  • Angst, dass man mir in langweiligen Seminaren ansieht, dass ich in Wirklichkeit an Sex mit dem Dozenten denke

Die Liste ist endlos lang. Und ich habe so das Gefühl, dass ich jede zweite Woche eine neue hinzu addieren kann.

Aber mit diesen skurrilen Ängsten kann man ganz gut leben.

Schwieriger sind die diffusen Ängste, die die man gar nicht einschätzen kann, gar nicht weiß aus welcher Ecke sie kommen. Die immer dann kommen, wenn sie kein Schwein braucht. Die man jahrelang hat, ohne sie so richtig zu bemerken.  Und dann, eines Tages wacht man auf und spielt sein bisheriges Leben durch und sieht, dass sich eigentlich alles nur darum gedreht hat. Darum eben diese Angst zu vermeiden. Sie zu umgehen, sie zu besänftigen.

So geht es mir gerade. Gefühlte 70% meiner letzten 10 Jahre habe ich dem Umschiffen meiner großen Ängste gewidmet und dabei Dinge getan, die ich (so hoffe ich zumindest) im „Normalzustand” so nicht getan hätte.

Jetzt gerade mache ich das Gegenteil. Ich befreie mich. Ich bin radikal. Ich bin ein Angstterrorist. Ein Freedomfighter meiner eigenen Seele. Ich lege mir in epischen Gesten das Stirnband um wie Karate Kid und nähe mir selbst die Wunden wie Rambo.

Jeden Tag kämpfe ich mit ihr. Nicht immer gewinne ich. Sie ist fies, meine Angst. Sie schleicht sich heran und macht es sich gemütlich in meinem Magen. Oft bemerke ich sie erst, wenn sie sich ausbreitet, bereit mich zu verschlingen.

Freedom fighten ist eine anstrengende Sache. Die Kämpfe gehen gerne über Tage, oder schlimmer, wir liegen in zwei Gräben, nur Meter von einander entfernt und lauern. Und machen uns mürbe. Ab und zu schmeißt sie eine Rauchbombe. Ab und zu ich meine alten stinkenden Socken (denn das ist viel effektiver). Dann Waffenruhe. Auftanken. Und von vorn.

Ich könnte es auch lassen, ich weiß. Wir könnten einen Kompromiss finden – sie nimmt einen Teil meines Lebens und lässt mich dafür so gut es geht in Frieden. Das Problem ist nur, ich bin stur. Ich habe keinen Bock mehr zu teilen. Ich will den ganzen Kuchen, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich hier um Schwarzwälder Kirsch mit extra Sahne on top handelt. Und nicht Sandkuchen aus dem Edeka, wie sie mir immer vormachen will.

Und ich will am Ende meiner Tage auf meinem Sterbebett liegen mit vollem Magen, rülpsend, während ein Pfleger mir die letzten Krümel von der Brust schnipst.

You gotta fight for you right to Kuuuuuuucheeenn!!!