Archive for the 'Musical /Musikfilm' Category

Die Sissi-Frauen

Romy Schneider hat mich nie wirklich interessiert. Das liegt daran, dass sie einem in Deutschland zwangsläufig als erstes mit ihren SISSI- Filmen über den Weg läuft. Und die haben mich schon im Kindesalter beim heimlichen Westfernsehen gucken abgeschreckt. Gott sei Dank hatte ich damals nur einen Schwarz/weiß Fernseher zur Verfügung und wusste nicht um die Buntheit der Inszenierung.

Auch später konnte ich nicht an SISSI ran, auch wenn jedes Jahr zu Weihnachten ausreichend Möglichkeit dazu bestand. Meine Aversion vertiefte sich noch weiter, denn die einzigen Menschen, die ich so richtig von diesen Filmen schwärmen hörte, waren Frauen. Genauer gesagt eine ganz bestimmte Art von Frau. Nämlich die über 40 mit einem Hauch zu viel Körperfettschwungmasse, als dass sie noch in die politisch korrekte Kategorie “vollschlank” fallen würde, ausgestattet mit praktischem Kurzhaarrschnitt1 und itsy-bitsy kleinem Damenrucksäcken, die den Hintern, auf dem er aus Platz- und Anatomiegründen aufsitzt, nicht wirklich in ein schmeichelhaftes Licht rücken und einem übergroßen Diddlmausanhänger ihrer Wahl.

Ich glaube irgendwie hatte ich Angst, dass man nach drei Stunden

Er (mit österreischem Akzent): “Sissy!”

Sie (mit Zuckergußstimmchen und Caroline Reibers rollendem R): “Franzl!!”

plötzlich seine Frisur seinem Schamhaar anpassen und Miniaturrucksäcke in Imitatleder kaufen möchte.2

Dank meiner pathologischen SISSI Phobie habe ich es dann irgendwie geschafft gar keinen Romy Schneider Film zu gucken und das muss man erstmal hinkriegen, schließlich hat die Frau mal eben 58 Filme gemacht.

Doch mein Schneider-freies Leben ist nun beendet. Denn seit letzter Woche darf ich aus beruflichen Gründen ganz viele Romy Filme gucken müssen. Und ich muss sagen die meisten sind grottenkacke, gerührt und nicht geschüttelt.

Da man aus Gründen der Allgemeinbildung aber schon wenigstens so ein bisschen was wissen sollte, hier meine “Serviceleiste” mit den wirklich relevanten Facts über Romy Schneider:

  1. Romys Mutter hieß Magda, sah aus wie die angefettete, überkonservative Aldiversion von Romy und konnte nur halb so gut schauspielern wie ihre Tochter. Was irgendwie doof ist, wenn man bedenkt, dass Romy nicht schauspielern kann.
  2. Romy musste ganz viele Mutter-Tochter Rollen mit Magda zusammen spielen, in denen Magda meist eine Kittelschürze trägt, die sie während des Film aus Gründen der (Für)sorge in ihren Händen zerknüllt.
  3. Romy hatte in allen 58 Filmen komische Frisuren: mal einen Mittelscheitel mit der Axt gezogen (ROBINSON MUSS WEITER LEBEN), mal die Haare mit Zuckerwasser lebenslänglich an der Kopfhaut befestigt (SWIMMING POOL).
  4. Irgendwie rekelt sich Romy in ihren französischen Filmen des Öfteren nackisch auf Flokatis.
  5. Überhaupt ist sie dauernd nackisch.
  6. Romy hat komische Nippel, aber ihr Hintern ist allererste Sahne.
  7. Romy spielt ganz oft eine Frau in einer Beziehung, in der nicht mehr gepimpert wird, bis das Pärchen einen Mord begeht, mit anderen vor den Augen des Partners schnackselt oder sich mit Zweigen den Popo versohlt. Das klingt alles kinky und lecker. Is aber meist nur langweilig, schnöde inszeniert und langatmig.
  8. Romys Filmkleider (Yves Saint-Laurent, Coco Chanel) sind absolut genial, lassen sie aber ganz oft wie ein Requisit und nicht wie eine Schauspielerin aussehen.
  9. Romy spielt irgendwie immer die gleiche Art von Frau: fragil, schwach, mit überbordender Liebe und in späteren Jahren gebrochen. Nach spätestens drei Filmen wünscht man sich sie würde einmal aufstehen, dem Typen, der sie fertig macht, so in die Eier treten, dass er sie sich vom Beckenboden kratzen muss und dann – ohne jemals wieder zu lamentieren – nach Amerika auswandern und breitbeinig auf Pferden oder wahlweise jungen Cowboys reiten.

Im Grunde genommen verkörpert sie immer die Art von Frau, die Judith Butler in ihrem Grab in einer Endlosschleife routieren lassen würde – wäre Judith Butler schon tot. Deshalb kann ich leider aus feministischen Gründen die Verehrung dieser Frau nicht teilen. Aber jetzt wundert mich nicht mehr wieso die zu dicken Frauen mit den zu kleinen Rucksäcken so auf sie abfahren.

*Schmacht*

  1. hinter kurz, vorn “verspielt” mittelkurz, den Rest einmal ordentlich mit Minilöckchen versehen und toupiert bis der Arzt kommt []
  2. Sollten sich jetzt genügend Menschen melden, die mir glaubhaft bestätigen können, dass es nicht so ist, dann gucke ich mir den Mist an. Ich schwörs! []

The Emancipation of Johnny C. (Dirty Dancing)

Johnny Castle. Jung, sexy, lederbejackt, Ray Ban Sonnenbrille, Hüften, die kreisen, als wäre er eine arabische Bauchtänzerin, Sixpack. Das sind die Zutaten aus denen feuchte Mädchenträume gemacht werden.

Blickt man aber mal hinter die Fassade des Johnny C. ist da doch recht wenig. Er kommt aus dem Unterschichtenarbeitermilieu, ist nur mittelprächtig gebildet und konnte einer Maler- und Lackiererkarriere nur dank seines beweglichen Beckenbodens entgehen. Jetzt arbeitet er als unterbezahlter Tanzlehrer, der nur Mambo und nicht seine Fusiontänze aus postmodernem Salsa und Kopulationsbewegungen epileptischer Komodowarane tanzen darf, bei “Kellermanns”. Und da muss er sich auch in Nachtschicht noch um reiche aber leicht angewelkte Damen kümmern und ihnen den horizontalen Cha Cha Cha zeigen. Das Leben kann echt hart sein.

Und dann kommt sie: Baby. Blutjung, gebildet, Papis Liebling, noch nicht defloriert, denn bis sie ihn *Harfengeräusch* trifft – den Johnny, interessiert sie sich eher für Vietnam und die Dominotheorie. Overeducated but underfucked.

Da saß ich nun und schaute ihn mir an, DIRTY DANCING, diese Trashperle und hatte eigentlich vor, den Film feministisch-emanzipiert auseinander zu nehmen und Johnny so richtig in die Pfanne zu hauen. Und dann erinnerte ich mich an das hier. Und das hier. Obwohl ich diesen Film so oft gesehen habe, verstehe ich erst jetzt.

Wie oft sehnt man sich nach Liebe, wenn man nachts allein in seinem kalten Bett liegt. Und dann, wenn es irgendwann passiert, dass da jemand ist, der sie dir geben will, kriegt man Schiss und spult das alte Fluchtprogramm ab. Baby ist da anders. Sie hat Angst aber sie wählt den Weg der Konfrontation. Schließt die Augen und lässt sich hineinfallen in diese Angst, kämpft mit ihr, geht Risiken ein. Obwohl sie nicht nur bildungstechnisch Welten trennen und rein logisch betrachtet es völliger Schwachsinn ist, in ihrem zarten Alter einen Schmalspurtanzlehrer zu lieben, tut sie es einfach. Vielleicht liegt es daran, dass sie noch nie verliebt war und keine Ahnung hat, was das für Folgen haben könnte. Vielleicht ist sie aber auch einfach mal verdammt mutig.

Und Johnny, dieser große, schwitzende, lederbejackte Testosteronberg? Kriegt Schiss und pullert sich ins eh schon enge Lederhöschen. Und wartet ab bis die äußeren Umstände ihn zum Gehen bewegen, was er sehr gern tut, denn sein Fluchtprogramm hat schon lange eingesetzt. So weit so realistisch.

Würde der Film hier enden, wäre er ein echter Vollflop geworden. Aber, Hollywood wäre nicht Hollywood ohne ein Happy End. Denn es sind die letzten 10 Minuten, die Johnny zu dem Johnny machen, der noch heute vorzugsweise von leicht frustrierten Singlemädels aller Altersgruppen angeschmalzt wird.

Warum?

Weil er ihn erfüllt, den Traum davon, dass es einmal anders ist. Weil er zurück kommt. Weil es eben nicht immer sein kann, dass man verletzt und verkrüppelt und bestraft wird dafür, dass man sich doch mal getraut hat zu bleiben und sich drauf einzulassen, auf Nähe, auf Liebe, auf Beziehung. Diese kleine Emanzipation des Johnny C., dieser 10 Minuten Hollywoodschmalz sind ein Geschenk. Eine Hoffnung. Ein kleines, kitschiges Bollwerk gegen die Einsamkeit.

Also, gebt nicht auf! Traut euch! Und wenns nicht klappt, treffen wir uns bei mir und gucken Dirty Dancing.