Archive for the 'DVD' Category

The Emancipation of Johnny C. (Dirty Dancing)

Johnny Castle. Jung, sexy, lederbejackt, Ray Ban Sonnenbrille, Hüften, die kreisen, als wäre er eine arabische Bauchtänzerin, Sixpack. Das sind die Zutaten aus denen feuchte Mädchenträume gemacht werden.

Blickt man aber mal hinter die Fassade des Johnny C. ist da doch recht wenig. Er kommt aus dem Unterschichtenarbeitermilieu, ist nur mittelprächtig gebildet und konnte einer Maler- und Lackiererkarriere nur dank seines beweglichen Beckenbodens entgehen. Jetzt arbeitet er als unterbezahlter Tanzlehrer, der nur Mambo und nicht seine Fusiontänze aus postmodernem Salsa und Kopulationsbewegungen epileptischer Komodowarane tanzen darf, bei “Kellermanns”. Und da muss er sich auch in Nachtschicht noch um reiche aber leicht angewelkte Damen kümmern und ihnen den horizontalen Cha Cha Cha zeigen. Das Leben kann echt hart sein.

Und dann kommt sie: Baby. Blutjung, gebildet, Papis Liebling, noch nicht defloriert, denn bis sie ihn *Harfengeräusch* trifft – den Johnny, interessiert sie sich eher für Vietnam und die Dominotheorie. Overeducated but underfucked.

Da saß ich nun und schaute ihn mir an, DIRTY DANCING, diese Trashperle und hatte eigentlich vor, den Film feministisch-emanzipiert auseinander zu nehmen und Johnny so richtig in die Pfanne zu hauen. Und dann erinnerte ich mich an das hier. Und das hier. Obwohl ich diesen Film so oft gesehen habe, verstehe ich erst jetzt.

Wie oft sehnt man sich nach Liebe, wenn man nachts allein in seinem kalten Bett liegt. Und dann, wenn es irgendwann passiert, dass da jemand ist, der sie dir geben will, kriegt man Schiss und spult das alte Fluchtprogramm ab. Baby ist da anders. Sie hat Angst aber sie wählt den Weg der Konfrontation. Schließt die Augen und lässt sich hineinfallen in diese Angst, kämpft mit ihr, geht Risiken ein. Obwohl sie nicht nur bildungstechnisch Welten trennen und rein logisch betrachtet es völliger Schwachsinn ist, in ihrem zarten Alter einen Schmalspurtanzlehrer zu lieben, tut sie es einfach. Vielleicht liegt es daran, dass sie noch nie verliebt war und keine Ahnung hat, was das für Folgen haben könnte. Vielleicht ist sie aber auch einfach mal verdammt mutig.

Und Johnny, dieser große, schwitzende, lederbejackte Testosteronberg? Kriegt Schiss und pullert sich ins eh schon enge Lederhöschen. Und wartet ab bis die äußeren Umstände ihn zum Gehen bewegen, was er sehr gern tut, denn sein Fluchtprogramm hat schon lange eingesetzt. So weit so realistisch.

Würde der Film hier enden, wäre er ein echter Vollflop geworden. Aber, Hollywood wäre nicht Hollywood ohne ein Happy End. Denn es sind die letzten 10 Minuten, die Johnny zu dem Johnny machen, der noch heute vorzugsweise von leicht frustrierten Singlemädels aller Altersgruppen angeschmalzt wird.

Warum?

Weil er ihn erfüllt, den Traum davon, dass es einmal anders ist. Weil er zurück kommt. Weil es eben nicht immer sein kann, dass man verletzt und verkrüppelt und bestraft wird dafür, dass man sich doch mal getraut hat zu bleiben und sich drauf einzulassen, auf Nähe, auf Liebe, auf Beziehung. Diese kleine Emanzipation des Johnny C., dieser 10 Minuten Hollywoodschmalz sind ein Geschenk. Eine Hoffnung. Ein kleines, kitschiges Bollwerk gegen die Einsamkeit.

Also, gebt nicht auf! Traut euch! Und wenns nicht klappt, treffen wir uns bei mir und gucken Dirty Dancing.

The Big Sleep (1946)

Ich stehe eigentlich nicht so wahnsinnig sehr auf richtig alte Filme1 .

Aber The Big Sleep ist ziemlich großartig. Humphrey Bogart und Lauren Bacall sind eigentlich die gesamte Zeit dabei sich verbal und per Augenkontakt zu Boden zu zerren um (wie es die Klischee-Franzosen in einem schlechten Film sagen würden) “Liebä su machen”.

Ein Beispiel gefällig?

Bogart (wissendes Grinsen, männlich-herbe Gesichtszüge): “Now, what’s wrong with you, sugar?

Bacall (rauchige Stimme, göttlicher Wimpernaufschlag, Katzenaugen): “Nothing you can’t fix…”

Das Schöne daran ist, dass es stets Freude bereitet den beiden dabei zuzusehen2 , vor allem weil sich die Bacall nicht einmal die Butter vom Brot nehmen lässt und stets gekonnt pariert.

Dem Katz-und-Maus Spiel der beiden gesellt sich dann noch ein klug ausgeklügelter Kriminalfall hinzu, der so komplex ist, dass ich ihn immer noch nicht so genau durchschaut habe. Und natürlich auch – wie es sich für einen ordentlichen Film Noir gehört – zwielichtige Gangster mit albernen Namen, Millionäre und verrückte Frauen.

An dieser Stelle muss noch kurz der Regisseur angesprochen werden. Howard Hawks war einer der ganz Großen der 40er Jahre, doch bereits in den 50ern begann man ihn zu vergessen. Erst als die Franzosen der Cahiers du cinéma3 ihn zu ihrem Favoriten auserkoren, würdigte man sein umfassendes Werk auch in der Heimat.

The Big Sleep ist einer seiner besten Filme. Hawks war stets bedacht den amerikanischen Ursprungskerl in all seiner Rauheit in Aktion zu zeigen. Das gelingt ihm hier ganz fantastisch. Bogart wird vermöbelt, steht dauernd im Regen, wird gehasst, angebaggert und dann stehen gelassen, mit Waffen bedroht und verzieht nicht einmal die Miene. So ist es halt im wilden Amerika. Nur die Harten kriegen am Ende die femme fatale und überleben das sogar noch.

Also, wer die Bacall/Bogart/Hawks Kombination mag, sollte sich auch To Have or Have Not angucken.

Auch zu empfehlen ist Howard Hawks’ wohl bekanntester Film Rio Bravo. Mehr “amerikanischer harter Kerl” geht glaub ich nicht (ich sag nur John Wayne…).


  1. Richtig alt im Sinne von Zeiten, in denen schwarz/weiß aus technischen und nicht aus ästhetischen Gründen zum Einsatz kam. []
  2. …und letztendlich haben sie sich ja auch im wahren Leben gekriegt und waren glücklich bis Bogart an Lungenkrebs starb. []
  3. französische Filmzeitschrift, aus deren Reihen die Nouvelle Vague Bewegung mit Leuten wie Godard, Bazin, Truffaut etc. entsprangen []