Wenn deiner Mutter ihre Glocken klingen… aka Weihnachten in Familie

Wir schmeißen die ganzen Geschenke ins Auto, die wir für deine Familie gekauft haben. Lauter Kram, der mittelmäßig viel gekostet hat und den kein Schwein braucht. Ich denke kurz über die tiefen Abgründe unserer Konsumgesellschaft nach und ob man wirklich einen Staubsauger und einen Handstaubsauger im Leben benötigt, aber komme mit diesem Gedanken nicht weit, denn mir fällt der neue Akkubohrer für deinen Vati auf den Fuß. Ich fluche laut und blasphemisch in die dreckskalte Luft hinein und möchte auf die Leute spucken, die soeben debil-weihnachtlich grinsend an uns vorbei laufen. Aber das passt ja nicht zur proklamierten Weihnachtsstimmung  “All you can love”, weshalb ich es lasse. Als wir ins Auto steigen, checke ich kurz mein Weihnachtsgesicht und bemerke, dass man an meinen Augenringen ganze Lichterketten befestigen könnte. Meine Nase ist knallrot und abgefroren. Ich denke, diese zwei Merkmale genügen um weihnachtlich auszusehen. Zur Not kann ich mir ja noch eine Santa Claus Mütze aufsetzen, so wie die debilen Verkäufer im Mediamarkt, die für ein Festgehalt nicht nur ihre Seele, sondern ihre Würde dazu verkaufen. Mit Nullfinanzierung, versteht sich. Irgendwie siehst du auch  nicht besser aus, was daran liegen mag, dass du gleich einen Zusammenbruch erleidest, weil die Autobahn an Verstopfung im Endstadium leidet und wir die nächsten drei Stunden damit verbringen werden, den Idioten auf der Nebenspur die Hölle heiß zu machen, während die Heizung im Auto versagen wird. Aber auch darüber soll man ja nicht schimpfen, immerhin ist es endlich mal wieder weiß an Weihnachten. Ich danke an Sommer in Spanien und an Eiskrem und den Geruch von Sonnenmilch auf deiner Pfirsichhaut und hasse diese Kälte, die  mich dazu zwingt so viele Schichten an Klamotten anzuziehen, bis ich aussehe wie  Maggie Simpson im Schneeanzug.

Wir schauen uns tief in die Augen und wissen was passieren wird, sind wir erstmal angekommen. Deine Mutter, schriller als jede Sirene, wird erstmal vier Stunden verbalen Dauerbeschuss auslösen, während dein Vater versucht den Preis für “Misanthroph des Jahrtausends” von Kafka abzustauben. Wir werden noch nicht mal die Schuhe aushaben, da wird deine Mutter schon die letzten acht Monate unseres Lebens abgefragt haben. Dann wird sie uns unter Verbalfolter in eure “gute Stube” schieben, in der bei gefühlten hundert Grad im Schatten schon der Rest deiner buckeligen Verwandschaft sitzt und vorglüht. Das mit dem Vorglühen scheinen die aber schon dauerhaft die letzten zwanzig Jahre zu machen. Ich werde so in die Runde gucken und mich wie bei jedem Besuch wundern, dass aus dir so ein schöner und ordentlicher Mensch geworden ist, trotz des offensichtlichen, schon seit Jahrhunderten andauernden Inzests in deiner Familie. Ich werde dir einen traumatisiert erschrockenen Blick zuwerfen, du mir einen apologetischen und wir werden uns an die Hand nehmen um Stärke zu tanken. Zum Glück musst du dich nicht für deine Verwandten schämen, du kennst meine und die sind keinen Deut besser. Wir sind beide Überlebende in einer Wüste voller genetischer Fails und wissen, dass man in solch illustrer Runde sogar mit drei Nippeln und sechs Fingern pro Hand  noch als Gottes beste Schöpfung gilt.

Wir setzen uns an den Tisch und die Erde fängt an zu beben, was außer uns niemanden beunruhigt. Deine Tante, die rein an ihrem Volumen gemessen drei andere Tanten verschluckt hat, kommt aus der Küche. In ihrem Mundwinkel hängt noch eine Packung Lebkuchen und ein Hundewelpe. Du quetschst meine Hand, um mich sanft darauf aufmerksam zu machen, dass mein Gesicht gerade das Roland Emmerich 2012 Katastrophenstadium erreicht hat und man mir mein Entsetzen ansieht. Gott sei Dank interessiert sich keiner für mein Gesicht. Nur mein Einkommen wird abgefragt und was ich dir so alles koche. Deine Tante stellt uns wortlos eine Flasche Wodka auf den Tisch als wäre es Tafelwasser. Ich erwähne, dass ich nicht trinke, woraufhin sie mir ein Bier reicht. Offensichtlich gilt hier Bier als Limonadenerfrischungsgetränk mit Hefegeschmack. Ich nehme einen Schluck, denn es gibt Augenblicke, in denen man aus Notwehr trinken sollte.

Während deine Familie seelig ist und alle Stammdaten unseres Lebens abfragt, wird mir heiß und ich komme nicht umhin meinen Pullover zu entfernen. Für das Entfernen eines Kleidungsstückes als Frau bekommt man in deiner Familie einen Bonus geschenkt. Deinen Onkel Horst. Der findet “junge Mädchen” außerordentlich gut und starrt mir für den Rest des Abends so unverhohlen auf die Brüste, dass ich ihm die Weihnachtsgans Arschloch voran über den Kopf ziehen möchte.

Dann wird endlich zur Völlerei geläutet und wir setzen uns an den riesigen Holztisch. Während deine Mutter Fett in verschiedenen Formen auf den Tisch aufträgt, reicht dein Vater Kohlenhydratbomben in Form von Gummiknödeln weiter. Meine Herzarterie und ich führen ein kurzes Zwiegespräch und versuchen einander zu versichern, dass wir das schon irgendwie schaffen werden, da habe ich plötzlich eine Hand auf meinem linken Knie und eine an meiner rechten Arschbacke. Die rechts gehört Onkel Horst. Die linke leider nicht dir, sondern der tatschigen alten Frau, deren genauen Verwandtschaftsgrad du schon gar nicht mehr benennen kannst. Ich höre auf zu atmen und werfe dir flehende SOS Blicke zu, doch du bist eingekeilt zwischen deinem Onkel mit den 2,3 verbliebenen Fingern – er ist Tischler – und deiner süssen Oma. Süss bezieht sich hier leider auf ihren Blutzuckerspiegel und auf den Fakt, dass sie ihre Diabetes am liebsten mit Kuchen und Prosecco kuriert.

Nach einer gefühlten Ewigkeit geht es zum “Wichteln” über. Ich finde ja, wichteln klingt, als ob sich ein Mann mit einem außerordentlich kleinen Penis, den er quasi nur mit seinen Fingerkuppen festhalten kann, einen runterholt. Ich habe diesen Gedanken leider parallel zur Bewichtelung deines Vaters von deiner Mutter und schaudere. Die “ich schenke dir ein völlig beklopptes Geschenk und du musst so tun, als ob du es liebst” Zeremonie dauert Stunden. Deine Mutter bekommt ein neues Topfset und allerlei Haushaltsutensilien. Ich hätte ihr am liebsten eine Verhaltenstherapie geschenkt. Vati hat neues Bastelzeug für den Hobbykeller bekommen, obwohl ich ja vermute, dass er dort vor allem an sich bastelt, denn ich befürchte deine Mutter wird ihn selbst in den romantischsten Augenblicken in Grund und Boden reden.  Dann sind wir dran. Juhu, versuche ich zu sagen, als ich den obligatorischen Katzen-Jahreskalender auspacke. Ein freudiges Gesicht erlange ich dadurch, dass ich mir vorstelle, wie wir bald das Ding auf unserem Balkon verbrennen. Du bekommst vier Bahntickets geschenkt. Natürlich schon vorausgestellt für die Strecke “Berlin – Nach Hause”. So nennen deine Eltern ihren Wohnort und ignorieren geflissentlich, dass du eigentlich ein eigenes “zu Hause” hast. Mit mir.

Und wie jedes Jahr sitzen wir danach um den unechten Plastikweihnachtsbaum “Design Nordtanne” und sehen zu wie sich deine Familie ins weihnachtlich-seelige Koma säuft. Wir warten bis alle platt sind und schleichen uns ins Bad. Deine Mutter, der Schießhund, bemerkt uns und nur durch das Abschließen der Badtür sind wir in der Lage kurz allein zu sein, während sie vor dem Eingang unruhig ihre Runden dreht. “Ich liebe dich” flüstere ich dir zu und wir suchen nach dem Notausgang. Während wir überlegen, ob wir aus dem Fenster im ersten Stock springen und um unser Leben rennen, sagst du leise “Wieso machen wir das eigentlich jedes Jahr?”

Wieso eigentlich? Weil deine Mutter am Telefon so lange heult, bis du zusagst und überhaupt weil man das so macht?

“Schluss!”, schreie ich dich an, denn noch sitzen wir im Auto vor unserer Tür. Ich packe deine Hand und renne mit dir in unsere Wohnung. Wir werden jetzt alle Telefone ausmachen, ich bestelle genug Pizza für eine Woche und dann werfen wir uns auf den Flokati und lieben uns ins neue Jahr.

Zwar haben wir keinen Kamin aber wenn du willst, lade ich eine Kaminfeuer-iphone-Applikation runter. Und wir bleiben wo wir hingehören. In unserem “zu Hause”. Und wenn ich komme, schreie ich Ho Ho Ho und singe dir danach Last Christmas mit Afterglow.

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