Odorama

Manchmal setzen sich im Kino so Menschen neben einen, die sich zu allererst mit ihrer Geruchs- oder Geräuschkulisse ankündigen. Sprich noch bevor man seinen Sitzpartner visuell kennenlernt, riecht man ihn schon. Oder hört, wie er unter würgenden Brunftgeräuschen versucht seinen Mucus aus dem Hals oder der Nase nach draußen zu befördern. Wenn das passiert, weiß man schon: das werden jetzt harte 90 Minuten.

Ich hatte dieses Jahr auf der Berlinale in allen meinen Filmen Glück. Meine jeweiligen Sitzpartner waren allesamt geruchsarm und äußerst leise. Und dann, wie sollte es auch anders sein, in einem der letzten Filme traf ich sie. Die Königin der Geruchs- und Geräuschkulissen.

Das Privileg neben sich noch einen freien Sitzplatz zu haben, ist ein seltenes bei Filmfestivals. Nur kurz währte meine Freude. Der Film begann, ich kuschelte mich in den fett gepolsterten Sitz. Dann roch es plötzlich aus unerfindlichen Gründen nach Tod. Nach ganz totem Tod. Gepaart mit Leberwurst und Erdnüssen. Die Menge wurde unruhig. Zu den schneidend säuerlichen Ausdünstungen, die den Raum vernebelten gesellte sich ein Kratzen. Ein Hinken. Ein Knarren. Erstarrt blickte ich in Richtung Eingang und in meinem Kopf ertönte der Psycho Soundtrack. Die ersten geruchssensiblen Zuschauer liefen schreiend in Richtung des anderen Ausgangs. Wenn sie noch konnten. Die meisten kollabierten einfach in ihren Sitzen.

Das Geräusch kam näher und dann bog sie um die Ecke einen Schwarm giftgrüner Moderwolken in meine Richtung schickend. “Oh mein Gott, nicht sie! Die Frau ohne Rillen!” japste es panisch hinter mir bevor der Inhaber jener Worte sich in seinen Sessel ergoß. Erstarrt schaute ich zu wie sie näher kam. Meine Lunge pritzelte schon und ich wusste jetzt ist es zu spät. Ich würde auf der Berlinale sterben. In einem Dokumentarfilm über eine israelische Schwulenbar. Scheiße.

Scheiße. Dachte ich. Scheiße! Dachte ich wieder. Nur diesmal weils gleich thematisch passend so roch. Das alte Muttchen mit dem Hinkebein hatte sich direkt neben mich platziert. Versuche würgende Gurgelgeräusche zu verbergen waren unnütz. Ich starrte auf die Leinwand und war sicher so ist es wenn man ein Arsch im Leben war und der Tod einen persönlich abholt. Ich schwor zu konvertieren. Zu dem erstbesten Gott, der mir helfen würde. Doch von denen meldete sich keiner. Sie hatten wahrscheinlich alle damit zu tun ihre würgenden Gurgelgeräusche zu verbergen.

Wenn ich mich nicht bewege, mache ich keinen Lufthauch, dann kommt nicht noch mehr zu mir geschwappt. Dachte ich so, doch Muttchen hatte andere Pläne. Sie zog ihre Jacke aus. Ein kleiner Aufschrei ging durch den Saal. Sie trug nur ein ärmelloses Shirt darunter. Vor uns fiel die gesamte Reihe Zuschauer mit dem Gesicht nach vorn in die Sessellehnen ihrer Vordermänner. Ich hatte das Gefühl meine Nasenscheidewände versuchten verzweifelt den Saal zu verlassen – notfalls auch ohne mich. Dann packte Öhmchen zwei gelbe Lappen aus. In einem Anfall von “Faszination des Grauens” schaute ich zu ihr rüber nur um ihr bei einer scheinbar traditionellen Zeremonie beizuwohnen. Mit größtmöglicher Erhabenheit schwang sie je einen Lappen unter ihre stark behaarten Achseln. Links – flapp. Rechts -flapp. Und die blieben hängen noch bevor sie den Arm runter nahm.

Die wandelnde Geruchskulisse drehte sich zu mir und lächelte mir zu. Und da erst begriff ich was “die Frau ohne Rillen” bedeutete. Was das genau heißt, darf ich noch nicht aussprechen, sagt meine Therapeutin. Aber sagen wir so. Es gab wohl kurz vor dem Film Leberwurstbrot. Oder kleine Kinder. Je nachdem was grad da war.

There’s no place like home. There’s no place like home” murmelte ich. Und stieß erneut Gebete in sämtliche Himmel, Höllen und Refugien. Und endlich wurde ich erhört. Zumindest indirekt. Der Dokumentarfilm ging nur eine Stunde und gerade als ich mich zum Sterben zusammenrollen wollte, war er zu Ende.

“Vergeben die Sozialtickets an Obdachlose auf der Berlinale?” fragte mich das Frl.W. als sie das Öhmchen vor dem Kino im Hellen erblickte. “Nein, eigentlich nicht”, antwortete ich grün-blau-grau im Gesicht, “aber jetzt weiß ich warum manche Leute ewig alt werden, so wie das Öhmchen oder Johannes Heesters zum Beispiel. Das sind offensichtliche Fehler in der Matrix. Mit gotterhabener Geruchskulisse oder welche, die, wie im Fall Heesters, einfach nicht aufhören wollen zu singen und zu steppen. Die will nicht mal der Teufel.”

1 Response to “Odorama”


  • hm, vielleicht lag ich mit den akkreditierungen für obdachlose gar nicht so falsch. im neuen straßenfeger steht ein artikel über die berlinale…

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