Manchmal wenn ich so richtig traurig bin, fahre ich Ringbahn. Einmal ganz rum um Berlin. Das dauert ungefähr eine Stunde und hat im Winter noch den Vorteil, dass es da wärmer ist als in meiner Altbau-modernisiert-aber-nicht-renoviert-ganz-zu-schweigen-von-saniert- Wohnung.
Ich liebe das menschliche Wechselspiel, das sich einem bietet. In Wedding wirds meist laut und multikulturell. Gern auch pöbelig. Der Pöbelfaktor nimmt dann gen Messe Nord/ICC nochmal um 200% zu und flaut dann ab. In Westkreuz dann der erste Exodus und bis Schöneberg ist es meistens ganz ruhig und man ist fast allein. Und dann wirds wieder lauter. Und spätestens Sonnenallee platzt die Bahn aus allen Nähten. Dann wieder Exodus am Ostkreuz. Hier steigen dann meist Menschen zu, die gutbürgerlich-proletarisch sind. Dann riechts oft nach Schnitten und Bierchen. Die entleeren sich dann wieder bis Wedding. Spontan habe ich Elton Johns Schmachtfetzen “Circle of Life” im Kopf.
Aber das ist eigentlich nicht der Grund wieso ich Ringbahn fahre, wenn ich traurig bin. Der eigentliche Grund ist folgender:
Ich setze mich in die Bahn, höre Musik. Diesen Sommer wars das Peter Fox Album, hoch und runter – vor und zurück. Aber das kann ich gerade nicht hören. Es ist Teil der Trauer. Also hab ich meine ganz ganz alten Sachen rausgekramt und mir einen fetten Motown Mix zusammengefrikkelt. Nur die Up-Tempo Nummern. Die Supremes, die Jackson 5, Marvin Gaye, die Four Tops….
Da saß ich also nun, mein Herz aus Stein und zog mir den ganzen alten Kram rein. Und stellte mir vor, das Leben wäre ein Musical.
—– Jetzt wirds interaktiv. Bevor ihr weiterlest, macht euch folgenden Song an .——
Stop…in the name of looooovvvvvveeeee….. Diana Ross brüllt aus dem Kopfhörer. Und plötzlich springen sie auf. Die alte Frau mit den lilafarbenen Haaren, der Bauarbeiterrülps mit Bierflasche, der gepiercte Altpunker, sein Hund und die muslimische Hausfrau mit dem braunen Kopftuch. Und singen. Stop…in the name of looooveee….
Und machen die perfekte Supremes- Choreographie. Hand energisch nach vorn beim Stop, schnipsen links, dann rechts. Hüftschwung links, dann rechts. Sie singen aus voller Kehle. Die anderen Ringbahnmitfahrer tanzen mit. Hüftschwung links, rechts. Langsam, wie in DIRTY DANCING, bildet sich eine im Gleichschritt tanzende Kongregation, die auf mich zu kommt. Think it o-hooo-verr. Mein Herz springt im Takt. Sie tanzen für mich. Think it o-hooo-verr. In Paillettenkleidern. Plötzlich sind sie alle schwarz. Die Männer groß und bärtig. Die Frauen mit dicken Hüften und prallen Backen. Stop in the name of loovvee- beefore you breaak my heaaartt
Sie bleiben genau vor mir im Gang stehen und plötzlich schreit jemand Hallelujah. Und die Masse schreit ihm nach: “Hallelujah!!”
—– Jetzt diesen Song —–
Und er singt Oh Happy Day. Ich liebe diesen Song. So leise am Anfang. Die Masse klatscht in die Hände und dann setzt der Chor ein. Stürmisch, laut, es bläst mich weg. Und dazwischen immer wieder Hallelujah Schreie. Sie tragen nicht die üblichen Gospelgewänder, sondern noch immer diese Paillettenkleider. Silberfarben, die kurz vor dem Knie enden. Hallelujah. Und dann, in einer perfekten La Ola Welle treten sie zur Seite.
Und da stehst du. Genauso verwirrt wie ich. Und während er weiter aus vollem Hals Oh Happy Day singt, nimmt er dich an die Hand uns zieht dich in ihre Mitte. Frenetisch brüllt der Chor das Lied. Die Kirchenorgel kreischt in höchsten Tönen. Sie umtanzen dich, strecken die Hände zum Himmel. Haaaallleeelluujjjahh. Ich springe auf. Laufe zu dir und wir sind mitten drin. Mitten im Gospel. Mitten in diesem Song.
Und eine Stimme schreit: “Repent! Repent!” Und der Chor antwortet: “Repent, children, repent!” Wir schauen verwirrt. Wir sind beide weder schwarz noch haben wirs so recht mit Gott. Doch die Woge ihrer Schreie dringt in uns ein. Direkt ins Herz. Es droht mir zu zerbersten. Sie legen ihre Hände auf unsere Stirn und treiben sie uns aus, die Dämonen. Ich fühle wie sie davon fliegen aus meinem Herzen. Hallelujah, Lord Almighty. “Halleeeeluuujaaaahhhhh”, schreit der Chor.
“Haaaaaaaaaaaallleeeelluuujaaaaaaaaaaaaaaahhhhh”, schreie ich. So laut ich nur kann. Mein Herz ist so leicht, es fliegt. Ich öffne die Augen. Und da stehe ich. In der Ringbahn. Mit ausgestreckten Händen. Mitten im Waggon. Die Wangen rot. Und alle starren mich an. Verständnislos. Der Bauarbeiterrülps kratzt sich die Eier und die Oma mit den lilafarbenen Haaren murmelt böse Hasstiraden in ihren Oberlippenbart.
WOOOOOM. So schnell kann einen die Realität wieder einholen. Kein Gospelchor. Kein Hallelujah. Keine Erlösung. Nur Alltag. Und weit und breit kein du.
An der nächsten Haltestelle springe ich raus. “Oh Gott”, denke ich mir, “Stand ich gerade ernsthaft in der Bahn mit erhobenen Händen und hab Hallelujah geschrien? Schon wieder?” Zum Glück ist das Berlin. Da interessiert sowas keinen länger als 20 Sekunden.
Ich und mein schweres Herz schlurfen wieder nach Hause. “Scheiß Einbildung. Wie gern würde ich so mit dir eine Runde Ringbahn fahren. Entdämonisiert. Wäre doch nur ein bisschen davon wahr”, denke ich mir und schlurfe weiter. Den Kopf gesenkt. Vor meinen Augen glitzert es auf der Straße. Es blendet mich. Ich hebe es auf.
Eine silberne Paillette.
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