Ich hab mich schon immer für das Thema interessiert, aber mir bis jetzt noch nie die Mühe gemacht es genau auszuformulieren. Das Interesse liegt wahrscheinlich in der Familie. Ich bin Scheidungskind und mein Vater hat in seiner Diplomarbeit gezeigt, dass sich Monogamie nicht durch die Bibel belegen lässt.
Warum ich jetzt doch anfange? Jemand hat gefragt. Und manchmal ist ja so ein Tritt die willkommene Gelegenheit, um endlich mal was umzusetzen, dass man schon eine Weile mit sich herumträgt.
Disclaimer: Es handelt sich bei der Frage nach der richtigen Beziehungsform um ein persönliches Thema. Ich erkläre hier meine Vorstellungen von meinem Leben, dass ganze ist eine Geschichte, kein dogmatischer Aufruf an alle anderen Menschen es ebenso zu halten. Hier wird nicht fanatisch gepredigt, wie wer was zu handhaben hat. Im Gegenzug werden fanatische Predigten auch ohne Zögern ins Datennirvana verschickt.
Grundvorraussetzungen: Was ist Monogamie?
Damit wir hier nicht aneinander vorbeireden, will ich erstmal festlegen, wovon ich eigentlich schreibe. “Monogamie” ist die ausschließliche Beziehung zweier Menschen zueinander und zwar im strengsten Sinne, also ohne Sex, ohne Knutschen, ohne Liebe zu anderen Leuten.
Im weiteren werde ich muss ich ein bisschen differenzieren: “Offene Partnerschaften” sind Beziehungen in denen man Sex mit anderen Leuten haben darf, aber sonst nichts. “Poly-Beziehungen” sind Beziehungen, in denen es (meistens) zwar einen Hauptpartner geben kann, aber ansonsten alles erlaubt ist.
Warum ich nicht an Monogamie glaube.
Ich habe noch nie erlebt, dass Monogamie funktioniert. Irgendwann war es immer soweit. Während einer Beziehung war da dieser andere Mensch. Attraktiv, charmant und unglaublich lecker. Aber ich hatte gelernt, dass man das nicht darf, deswegen habe ich es entweder gelassen oder die Beziehung in den Wind geschossen. Beides nicht unbedingt die perfekte Lösung.
Die monogamen Beziehungen anderer Leute in freier Wildbahn habe ich bisher vor allem in zwei Varianten erlebt: Entweder gingen sie irgendwann in die Brüche oder ergaben ein Gesamtbild, dass für die jeweiligen Menschen in Ordnung war, was ich aber nicht hätte leben wollen.
Ich stand also immer wieder vor der Wahl, meine derzeitige Beziehung abzubrechen oder andere Frauen nur im Geheimen zu treffen. Die Entfremdung zur derzeitigen Partnerin wurde dann paradoxerweise dadurch beschleunigt, dass ich ein Geheimnis vor meiner Partnerin haben muss.
Das bedeutet also: Ich muss für mich wichtige Erlebnisse dem vermeintlich wichtigsten Menschen in meinem Leben verheimlichen, weil er kein Verständnis dafür hat. Ein Umstand, der mich nicht unbedingt glücklich macht. Das einzige was ich erlebt habe, war so eine Art “uneasy truce”.
Was bis jetzt passierte.
Es gab die Vereinbarung, dass Beziehungen zu anderen Menschen erlaubt sind. Dabei wechselte die Randbedingung des Mitteilens, mal sollte alles im Geheimen stattfinden, mal sollte alles erzählt werden. Zwischendurch gab es sogar einen kurzen Moment, wo es wirklich okay und in Ordnung war, dass beide nicht monogam sind. Leider hat das nicht lange angehalten.
Es soll auch niemand sagen können, dass ich es nicht versucht hätte. Während einer ungefähr zwei Jahre dauernden Phase habe ich - trotz sehr eindringlicher Versuchungen - meiner Freundin die Treue gehalten. Von Vorteil war diese Phase aber nicht, das Gefühl verpasster Gelegenheiten war zu krass. Was auch dazu führte, dass meine Freundin nicht allzuviel Spaß an mir hatte. Ich war oft grantig und nervös, was sicherlich daher kam, dass ich sie (mehr oder weniger unbewusst) für meine Enthaltsamkeit verantwortlich gemacht habe. [1]
Und was kommt dann?
Ich weiß es nicht genau. Ich kann nicht einmal wirklich ausschließen, dass es da draußen irgendwo die Frau gibt, mit der ich ausschließlich bis ans Ende meiner Tage Sex, Liebe und eine Beziehung haben will. Aber meine derzeitige Idealvorstellung sieht anders aus.
Ideal wäre ein Partner, mit dem ich in einer Poly-Beziehung als Primary zusammenlebe. Dabei gibt es keine Vorschriften, die auf Regeln basieren, sondern Vereinbarungen, die vom aktuellen Stand der Beziehung sowie ihrer und meiner Befindlichkeit abhängen. Dabei ist immens wichtig, dass über alle Beziehungen geredet werden kann, damit keine Missverständnisse aufkommen und Eifersucht geklärt/abgewartet/ausgeräumt werden kann.
Die Kommunikation über die Beziehung(en) ist ein wichtiger Bestandteil dieser Vorstellung. Nach meinen Erfahrungen wird die Kluft zwischen meiner Partnerin und mir größer, wenn ich meine Erlebnisse mit einem neuen spannenden Menschen nicht erzählen kann. Das mag für einen bekennenden Monogamisten albern klingen, würde aber langfristig beiden Partnern besser tun. Glaube ich zumindest, denn ich habe es bis jetzt noch nicht ausprobieren können.
Bleibt die Eifersucht…
…gegen die wahrscheinlich kein Kraut gewachsen ist. Das heisst: Sie wird vorkommen, aber sie kann überwunden werden. Denn Eifersucht ist in den meisten Fällen nur die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit, vor dem Nicht-Attraktiv-Genug-Sein, vor dem eigenen mangelnden Selbstvertrauen. Das gilt immer für beide und erfordert Fingerspitzengefühl. Sowohl von dem, der gerade eifersüchtig ist, als auch von dem, der gerade den Anlaß dazu bietet. Trotzdem bleibt es machbar. Wenn es nicht geht und die Eifersucht zu schlimm wird, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt. [2]
Würden dann nicht One-Night-Stands reichen?
Meiner Meinung nach nicht. Denn das ist nur eine weitere Festlegung von starren Regeln. Die Ansage lautet ja: Du darfst mit anderen Menschen schlafen, aber du darfst nichts für andere Menschen empfinden. Solche offenen Partnerschaften sind quasi die Fortsetzung der monogamen Beziehung mit anderen Mitteln. Außerdem: Ist die Bezeichnung “One Night Stand” nicht nur ein Euphemismus dafür, dass das Zusammentreffen zweier Menschen nicht so großartig war, dass sich eine Wiederholung lohnt? [3]
Ein valider Einwand…
…gegen Poly-Beziehungen könnte sein, dass es dann leichter zu Begegnungen kommen kann, wo sich eine Neben-Beziehung zur neuen Primary entwickelt. Mag sein, ich sehe das aber auch eher als Chance, denn als schlimmen Effekt. So hätten neue Beziehungen die Zeit sich zu entwickeln und alte Beziehungen die Zeit auszuklingen. [4]
Das ist doch nur ein Vorwand…
…damit man sich einfach während einer Beziehung in Ruhe jemand Neues suchen kann!
Nein.
Es handelt sich dabei lediglich um eine Möglichkeit. Meine Idealvorstellung ist und bleibt die, von zwei Menschen, die mal mehr, mal weniger umeinander kreisen, gemeinsam das Leben rocken und zwischendurch immer Ausflüge in die Wildnis unternehmen oder sogar dauerhafte Nebenrollen in die Geschichte ihres Lebens integrieren.
Das hört sich ja mal alles sehr…
…schwammig an. Da ist ja quasi alles möglich.
Richtig.
Und das ist letztlich der wichtigste Punkt, den ich habe. Ich weiß nicht so genau, was mit meinem Leben passieren wird, aber es werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit neue Dinge geschehen und neue Menschen meinen Horizont erweitern. Immer wieder. Der Versuch meine (Primary-)Beziehung - ein für mich sehr großer und wichtiger Teil des Lebens - in eine starre, unveränderbare Form zu pressen, muss deswegen zum Scheitern verurteilt sein.
Um es mit einem weisen Spruch auf einen Punkt zu bringen: Beziehungen sind wie ein Schwert. Wenn sie nicht flexibel sind, werden sie brechen.
Oder noch kürzer: Leben ist Veränderung.
Danksagung
bastiH für einen sehr guten Stein des Anstoßes und die Bereitschaft einem wildfremden Menschen eine sehr persönliche Frage zu stellen.
Frl W. für Einblicke in den buddhahaften Umgang mit Eifersucht und in eine beinahe perfekte Beziehung.
Pattex für das kleine bisschen Sozialdruck, das nötig ist, um solch einen Text direkt nach der Nachtschicht fertig zu schreiben.
- Was natürlich Unsinn ist, es war ja meine Entscheidung. Das zu wissen, nützt aber nicht immer. [↩]
- Bevor ihr fragt: Ja ich kann das durch Erfahrungen belegen. In beide Richtungen. [↩]
- In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant zu wissen, dass der Autor dieses Artikels beim Beziehungstest von OKcupid auf Five-Night-Stand getestet wurde. :) Das war damals. Heute bin ich anscheinend ein Mixed Messenger. [↩]
- Ich weiß, dass klingt sehr optimistisch. Aber das hier ist ja auch eine Idealvorstellung. [↩]


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