Archive for the 'Nicht wirklich Berlin' Category

Academie der schönsten Künste

Wenn es just anfängt zu regnen, ist das doch sicher ein gutes Omen – nämlich gerade als wir[1] an der Tür der Academie der schönsten Künste standen, tröpfelte es von oben. Nicht “schönen” wohlgemerkt, da mag sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen.

Das Interieur wirkte einladend: In dem mehrfach unterteilten Innenraum reihen sich gemütliche Sofabänke aneinander, garniert mit großen bunten Kissen. An den Wänden konnte man dutzende Bilder und Fotos betrachten, nicht selten abgebildet waren nackte, halbnackte und sich offenkundig zugetane Menschen. Eine umfangreiche Auswahl von Zeitschriften, aber leider keine Tageszeitungen, lagen bereit, um einsamen Frühstückern die Zeit zu vertreiben.

Auf einem kleinen Hinterhof gibt es einige Tische unter Sonnen- bzw. Regenschirmen. Aufgrund des Wetters verzichteten wir darauf, in Ruhe unter den Schirmen zu sitzen, und suchten uns einen Tisch drinnen. Angenehmerweise zechte die übliche Stuttgarter Landplage – der telefonierende oberhemdtragende Yuppie – woanders, so daß sich eine angenehme Frühstücksatmosphäre einstellte. Zwar saß eine anfangs fortlaufend in eines ihrer diversen Telefone plappernde Frau gegenüber, sie griff sich aber alsbald ein Buch und schwieg. Bei der Lektüre handelte es sich um ein Werk eines Bizarro-Esoterikers mit güldenem Umschlag, was uns zu abseitigen Spekulationen über den Beruf der Dame anregte. Wir verzichten hier zugunsten des Lesers auf eine genauere Erörterung.

Dann kann es ja losgehen mit der Speisenwahl. Herr Vroomfondel wählte das Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerettich, einen Latte Macchiato und eine große Apfelschorle. Die TTL wurde mit grenzwertigen sechs Minuten gestoppt, prinzipiell war die Bedienung eher lahm, aber nicht unfreundlich. Die in der Academie kredenzte Kaffeesorte wird den fortgeschrittenen Koffein-Nerd nicht zum glückseligen Grinsen verleiten, ist jedoch im Rahmen eines Frühstücks durchaus akzeptabel.

lachsbrot

Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerrettich: 5,90 €.

Das Bauernbrot stellte sich – leicht überraschend – als Italien-Style heraus. Es war grobporiges Weißbrot, das jedoch gut mit dem Lachs harmonierte. Der Lachs in Standard-Qualität war zu einem reichlich bemessenen Belag komponiert, der Meerettich wurde im separaten Näpfchen in ausreichender Menge gereicht. Erstaunlicherweise waren die halben Partytomaten, deren ubiquitäre Verwendung ja bei 46halbe zu einer konsequenten Abwertung in der Gesamtnote führt, aromatisch und zum Lachsbrot passend.

Das Angebot an Speisen war vielfältig, 46halbe hatte Mühe mit dem Auswählen. Das “knusprige Sandwich” klang irgendwie gut. Dazu konnten, wie beim Bauernbrot auch, diverse Beläge ausgesucht werden. 46halbe entschied sich für die stinknormale Variante: Frischkäse und milde Salami. Es stellte sich allerdings heraus, daß es sich um eine schnöde Schrippe handelte, die allerdings tatsächlich als knusprig einzustufen war.

salamibroetchen

“Sandwich” mit Frischkäse und Salami: 4,50 €.

Dazu wurde ein Obstsalat geordert, an dem es genau nichts zu bemängeln gab – außer vielleicht, daß Herr Vroomfondel sich mehrfach unerlaubt, aber mit großem Genuß, daran vergriff. Das spricht aber für Aussehen und Geschmack. Abweichend von den sonstigen Abläufen bestellte 46halbe dazu einen großen Milchkaffee.

obstsalat

Obstsalat: 5,50 €.

Die allgemeine Aufmerksamkeit des Personals ließ ein wenig zu wünschen übrig, es bedurfte mehrfacher Signalisierung von Nachbestell- und Zahlungsbereitschaft. Es glückte uns dann aber nach dem Verzehr doch die Bestellung eines Capuccino, der dem Milchkaffee nicht nur wie ein Ei dem anderen glich, sondern auch so schmeckte.

milchkaffee

Großer Milchkaffee für 2,90 € oder kostenloser Capuccino?

Daß man sich die Brote aus einer großen Auswahl selbst zusammenstellen kann, ist eine innovative Idee fürs Frühstück, die man bisher nur selten offeriert bekommt. Innovativ und den Gästen sehr entgegenkommend ist es aber auch, Bestelltes einfach nicht zu berechnen. Wir schwören natürlich bei unseren Mägen, dies nicht gleich beim Bezahlen bemerkt zu haben, aber auf der Rechnung fehlten 46halbes Capuccino sowie der von Herrn Vroomfondel genossene frischgepreßte Orangensaft. Vermutlich wäre uns das ohne unser Frühstücksblog niemals aufgefallen, belief sich die Rechnung doch insgesamt auf stattliche 25,20 Euro.

Hingehen sollten alle, die in entspannter Atmosphäre aus einer großen Auswahl von leckeren, frisch belegten Brötchen, Broten, Obstsalat und ähnlichem frühstücken wollen. Falsch ist man allerdings in der Academie, wenn man ein typisches Berlin-Style gemischtes Frühstück erwartet.

Academie der schönsten Künste
Charlottenstraße 5, 70182 Stuttgart
Tel. (0711) 24 24 36
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe und Herr Vroomfondel als Testpersonen unterwegs. []

Casina delle Rose

“Tu si aliubi fueris, dices hic porcos coctos ambulare.” – Petron, Satyrica 45,4

22 Grad und angenehme Sonnenstrahlen begrüßen den Besucher auf dem Weg durch den Villa Borghese[1] zum Casina delle Rose. An uns[2] vorbei kommen gutgelaunte Fußgänger, Rollschuhfahrer, Segway-Benutzer und Fahrradwanderer. Wir setzen uns auf die große Terrasse an den äußersten Rand, um den ersten Härtetest für das Servicepersonal zu proben.

casina

Außenansicht des Casina delle Rose mit Freiluftkino nebenan.

Doch es eilt sofort und mit freundlichem Lächeln eine bildhübsche Italienerin herbei und offeriert uns die Karte. Die typische Frühstücksuhrzeit am frühen Nachmittag läßt uns nach koffeinhaltigen Heißgetränken und Süßem ausschauen. 46halbe durchsucht das Eisangebot und wird fündig. Serviert wird ein köstliches, cremiges Gemisch aus Stracciatella und Vanille, das trotzdem so kalt ist, daß die Schokoladenstückchen am Löffel festfrieren. Lecker!

eis

Eis der Sorte Stracciatella-Vanille mit vernachlässigbarem Preis.

Um den Genuß zu vervollkommnen, werden ein Cappuccino und ein Eiskaffee geordert. Der Versuch, den Eiskaffee landesüblich auf italienisch zu bestellen, glückt vordergründig, denn die Nachfrage “Shakerato?” sorgt für leichte Verwirrung. Die Kellnerin überbrückt ihr Fremdschämen äußerst professionell mit einer eindeutigen Geste, die Erleuchtung bringt: “Ja, geschüttelt! Äh, si, shakerato!” Der Cappuccino kommt in einer besonderen Tasse mit ergonomisch wertvollem Henkel und erfreut durch den in diesem Teil der Welt durchaus üblichen guten Kaffeegeschmack. Der Eiskaffee, der hier Caffe Freddo genannt wird, aber toppt das Erlebnis angenehmer Gastronomie durch seine Optik:

eiskaffee

Cappuccino und Caffe Freddo, die ihren einzeln leider nicht mehr bekannten Preis Wert waren.

Die dunklen Applikationen an der Innenseite des Glases stellten sich als vergängliche Kunst heraus, die den rieselnden Effekt von pittoresken Schokoladenfällen hatte. Um eine lange Beschreibung kurz zu machen: Kaffee schmeckt hier einfach nach Kaffee, und die milde Temperiertheit des Getränks verleitet allzu schnell zu übereiltem Genuß.

Im Verlauf des entspannten Gesprächs über die Vorzüge mediterranen Lebens kamen die Tester übrigens überein, daß sie im Falle eines zukünftigen Umstiegs in das Spekulantengeschäft das Objekt definitiv erwerben werden. Ob wir die für römische Verhältnisse moderaten Preise beibehalten werden, wird sich allerdings erst dann zeigen: Unser Aufwand betrug inklusive eines fürstlichen, aber verdienten Trinkgeldes fünfzehn Euro.

gullideckel

Selbst die Gullideckel sind in Rom vielsagend.

Während wir das Spekulationsobjekt verließen und zu einem Spaziergang aufbrachen, fiel uns die allseits bekannte altrömische Sage des Marcus Curtius ein.[3] Der furchtlose junge Soldat adliger Herkunft schmiß sich dereinst mitsamt Harnisch und Roß in einen Erdspalt inmitten Roms, der sich zuvor als mit herkömmlichen Mitteln nicht auffüllbar erwiesen hatte. Sein selbstloses Opfer war nicht umsonst: Der Spalt schloß sich, so daß wir heutzutage fröhlich durch den Villa Borghese schlendern und dabei ansehnliche Reiterbildnisse des Herrn Martius bestaunen konnten.

Hingehen sollten alle, die erfahren wollen, was italienische Gastlichkeit praktisch bedeutet und den ansonsten durch ausgiebiges Hupen gekennzeichneten Straßenverkehr der Großstadt mal vergessen möchten. Das Casina delle Rose sollte einfach jeder Romtourist besuchen, auch wenn man gar keinen Hunger hat. Und zu Fuß sind es nur fünf Minuten zum örtlichen Segway-Vermieter.  :}

Casina delle Rose, Largo Mastroianni 1, 00197 Rom
Tel. +39 06 4201 6224

  1. Ja, wir sind im schnieken Rom, und der Villa Borghese ist der schönste und größte Park hier. []
  2. Das weitgereiste furchtlose Testteam ist heute 46halbe und naros. []
  3. Na gut, sie fiel uns durch das Blättern in römischen Stadtführern auf. []

The White Lion

Der “White Lion” ist malerisch in der Fußgängerzone in der James Street gelegen und lädt mit seiner viktorianischen Fassade vorbeischlendernde Touristen zum Verbleib ein. Im Innern erwartete uns[1] eine klassische Pub-Atmosphäre und ein Wirt mit dem höflichen Hinweis, das Frühstück doch im Oberstübchen einzunehmen. Nach Erklimmen der Treppe und dem Aussuchen einer gemütlichen Ecke in dem doch deutlich kompakt eingerichteten Flair belohnte uns der folgende Anblick für die Mühen.

Der White Lion von innen.

Wer es anhand des Fotos noch nicht erraten hat: Wir sind also in London. Ja, natürlich, das hier ist ein Blog über Frühstücken in Berlin, aber die Zeiten ändern sich. Nicht etwa in der Hinsicht, daß man für einen Stundenlohn nach London fliegen kann. Das geht schon lange, ist wegen der Einreiseprozeduren jedoch kaum mehr erträglich. Da aber billiges Fliegen seinem Ende entgegensieht, ist das London-Frühstück eine Art Reminiszenz an Zeiten, die vorbei sind wie die vergilbten sepiafarbenen Erinnerungen an Zuckertüten und Schulranzen.

Fanny wählte sich aus dem erlesenen Speisenangebot die “eggs benedict” für £4,75. Voller Vorfreude erblickte sie mit staunenden Augen und wäßrigem Mund eine Augenweide von einem befüllten Teller, den ihr die freundliche, blonde und großgewachsene Kellnerin reichte. Ein Meer von Sauce Hollandaise oder auch Béchamelsauce – da ist sich die Frühstückerin uneins – ergoß sich über den Teller. Assoziationsreich zeichneten sich die pochierten Eier – zwei an der Zahl – unter der hauchzarten Pelle der Sauce ab.

Eggs Benedict

Eggs benedict für £4,75

Erwartungsgemäß dauerte das Abschöpfen der Sauce etwas, bis die ersten festen Bestandteile dieses Frühstücks zum Vorschein kamen. Die Eier lagen gebettet auf rosé gewelltem Schinken, der sich an englische Muffins anschmiegte, die wohl aus Zeitmangel nur kurz beim Toaster vorbeischauen konnten. Ein Gaumenfeuerwerk war der Haps von der perfekten Gabel, die alle Zutaten des Frühstücks enthielt. Nach ein paar Schlucken des “Pot of Tea” (£1,35) verschlang die unsterblich in die englische “Frühstückskultur” verliebte Fanny den Rest ihrer Eier und ließ es sich nicht nehmen, die übriggebliebenen Saucenreste mit dem schlabbrigen Toast (dazu später mehr) von erdgeist aufzunehmen und genüßlich in die Sauce zu tunken und zu warten, bis das Brot sich ganz und gar mit der Sauce aufsaugte. erdgeist hingegen probierte nur eine Gabelspitze der Sauce und verschmähte den Rest der “eggs benedict”.

Einem akuten Eiweißmangeln folgend orderte erdgeist zu seinem Latte Macchiato (£1,75) das “traditional breakfast” für £4,95, ergänzt mit kohlenhydratgeladenen Waffeln an Ahornsirup und Bananen (£2,95). Erstaunlicherweise interpretierte die Bedienkraft die Bestellung als eine Art “Englisches Frühstück”, und als dieses nach mehreren gefühlten Wochen des Hungers eintraf, war unsere ganze Phantasie vonnöten, eine Interpretation der Einzelteile zu finden:

Das Traditionelle Frühstück

Das Traditionelle Frühstück für £4,95 mit “waffles with maple syrup & banana” für £2,95. Wahrscheinlich nur von unerfahrenen Touristen genommen.

Die größte Herausforderung bestand in der Zuordnung des schwarzen – an verrottende Meerestiere erinnernden – Krustengnubbels, der sich nach Konsultation mehrerer pflanzenkundlicher Lexika als verbratener Champignon herausstellte. Unauffällig wurde er auf Fannys Teller bugsiert. Fanny konnte trotz des heruntergekommenen Äußeren eine gewisse Saftigkeit feststellen.

Während die zu den “eggs benedict” gereichten Muffins wenigstens den Toaster noch aus der Ferne zu sehen bekamen, waren in erdgeists Frühstück die “Toasts” nur höflich als komplett wärmeunbehandelte Weißbrotschlabber zu bezeichnen. Der sich an den Würstchen abzeichnende tiefschwarze Rand setzte sich (wie auch bei der Tomate) um die ganze untere Seite fort, die Spiegeleier waren ungesalzen und nicht durchgebraten, die Schinkenscheibchen wohl nur für ein winziges Sekündchen in die Mikrowelle geworfen worden.

Da die Butter auf dem warmen Teller neben warmer Tomate und heißer Wurst kredenzt wurde, hätte erdgeist sie auch trinken können. Einzig die “baked beans” aus der Dose hielten, was Dosenbohnen eben so versprechen. Das Waffeldessert schließlich konnte den gepeinigten Gaumen kurzfristig immer wieder aus dem geschmacklichen Tiefdruckgebiet reißen. Alles in allem keine Empfehlung für kontinental verwöhnte Genießer.

Hingehen sollten alle, die hungrig aus der “tube” stolpern und nicht aus Furcht den nächstbesten “McDonald’s” ansteuern wollen, sondern mit dem Enthusiasmus einer frisch gegründeten “Jugend forscht”-Gruppe etwas wahrlich Englisches erleben wollen, wovon noch Jahrzehnte später den Urenkeln im Ohrensessel berichtet werden kann.

Nicht hingehen sollten alle, die hoffen, in dem hier angebotenen “traditional breakfast” eine Englische Eßkultur zu entdecken – denen sei das Marx am Spreewaldplatz in Kreuzberg ans Herz gelegt.

The White Lion, 24 James Street, Strand, London, WC2E 8NS
Tel: +44 0872 148 2441

Info mit Außenansicht

  1. Das Frühstückskorrespondententeam setzte sich diesmal aus erdgeist und Fanny zusammen. []